Seit dem Brexit-Referendum und der Wahl von Donald Trump streitet die Linke wieder einmal über das Verhältnis von Identitäts- und Verteilungspolitik. Dabei krankt die Debatte an einem grundlegenden Fehler: Es kann kein Jenseits der Identitätspolitik geben.

Der Fokus auf die Rechte von Minderheiten habe den «klassischen Arbeiter» verschreckt, heisst es oft, und zurückzuholen sei er nur, wenn die Linke die soziale Frage wieder in den Vordergrund stelle. Oder anders gesagt: Die Priorisierung von Identitätspolitik habe dazu geführt, dass gerade die Arbeiterklasse, die früher links gewählt hat, heute rechts wählt. Also müsse man sich wieder auf die ökonomische Ungleichheit und damit «die wahren Probleme des kleinen Mannes» konzentrieren und so die Arbeiterklasse zurückerobern. Das ist in mehrfacher Hinsicht verklärt und falsch.

Zuerst eine Begriffsklärung: Identitätspolitik meint das politische Engagement von Kollektiven, die aus einer gemeinsamen Unterdrückungserfahrung heraus Kritik und Forderungen an die Gesellschaft richten. Die klassischen Beispiele dafür sind die Frauen*bewegung, die schwarze Bürger*innenrechtsbewegung oder die LGBT*-Bewegung.

Erstens: Ja, viele Arbeiter wählten früher links. Aber: Sie waren oft genau so sexistisch und rassistisch wie der Rest der damaligen Gesellschaft oder viele Arbeiter*innen heute. (Natürlich gilt das nicht für alle, und seit ihrer Entstehung versuchte die Arbeiter*innen-Bewegung durch Bildungsarbeit die politische Einstellung ihrer Anhänger*innen zu verändern.[i]) Der französische Schriftsteller Didier Eribon beschreibt beispielsweise in seiner Autobiographie Rückkehr nach Reims, dass seine Eltern früher zwar die kommunistische Partei wählten, aber gleichzeitig rassistische, sexistische und homophobe Einstellungen vertraten.

Wer also ernsthaft dahin zurück möchte, übergeht und verkennt zweitens die riesigen emanzipatorischen Errungenschaften der Frauen*-, LGBT*- und Umweltbewegung. Ja, vielleicht haben wir den klassischen Arbeiter verloren. Aber was, wenn wir ihn verloren haben, als wir für das Frauen*stimmrecht kämpften? Oder für die Ehe für alle? Oder für einen Umweltschutz, der wirkt? Dahin kann niemand zurück wollen.

Denn ein zurück-zu-damals würde letztlich auf eine Wiederbelebung der reaktionären Unterscheidung von Haupt- und Nebenwiderspruch hinauslaufen. Damit ist gemeint, dass es im Kapitalismus einen Hauptwiderspruch gibt – das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital – und alle anderen Herrschaftsverhältnisse, z.B. die Unterdrückung von Frauen*, lediglich davon abgeleitete Nebenwidersprüche sind. Eine solche paternalistische Haltung, die real erlebte und strukturelle Unterdrückung kleinredet, kann kein Ausgangspunkt für linke Politik sein. Was im Übrigen nicht heisst, dass es keine Zusammenhänge zwischen ökonomischer Ausbeutung und den Geschlechterverhältnissen gibt.

Drittens: Sich nur am «klassischen Arbeiter» zu orientieren, heisst, sich an Männern* zu orientieren, denn um Arbeiterinnen* geht es dabei fast nie. Das ist sexistisch. Es heisst, gute Löhne zu fordern, sichere Renten oder den Erhalt von Arbeitsplätzen (also Erwerbsarbeit). Unbestritten wichtige Forderungen, aber warum sind sie wichtiger als Themen wie (unbezahlte) Care-Arbeit, die vor allem Frauen* betreffen? Und weiter gedacht: Warum scheint uns die Wählerstimme eines klassischen Arbeiters mehr wert zu sein als die Stimme einer Hausfrau*?

Das zeigt viertens, dass gerade die Forderung der Rückbesinnung auf die Arbeiterklasse selbst Identitätspolitik ist. Nämlich Politik aus der Identität des weissen, heterosexuellen Industriearbeiters. Auch Donald Trump – dessen Wahlerfolg ja gerade damit erklärt wird, Antworten auf die soziale Frage geliefert zu haben, seien sie auch sexistisch und rassistisch, während Hillary Clinton sich auf Identitätspolitik beschränkte – macht deshalb Identitätspolitik: eine weisse rassische Identitätspolitik.[ii] Man(n) kann also nicht keine Identitätspolitik machen. Aber weil wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, wird diese Art von Identitätspolitik als Norm gesehen, während alles andere als Sonderwünsche von Minderheiten gesehen wird.

Die Geschlechterforscherin Patricia Purtschert formuliert das so: Das Spezielle an der Situation von schwarzen Frauen* ist nicht, dass sie sich an der Schnittstelle von unterschiedlicher Herrschaftslogiken – also Rasse, Klasse und Geschlecht – befinden (denn das gilt für uns alle), sondern dass sie sich dabei immer auf der Seite der Schwächeren wiederfinden. Die Einsichten der schwarzen Frauen* werden deshalb immer als partikular, als eine Sichtweise von Minderheiten, angesehen, während die Erfahrungen von weissen Männern als universell, also als «normal», gelten – obwohl sie genauso partikular wie jede andere Erfahrung sind.

Wer also fordert, Identitätspolitik nicht so wichtig zu nehmen, sagt Folgendes: Die eigene Lebensrealität ist der allgemeingültige Standard, die Lebenserfahrungen von unterdrückten Gruppen sind weniger wichtig. Das kann keine linke Position sein.

Wenn es aber kein Jenseits der Identitätspolitik geben kann, können auch Identitäts- und Verteilungspolitik nicht voneinander getrennt werden. Linke Politik im 21. Jahrhundert muss die verschiedenen Formen von Herrschaft und Unterdrückung (Rasse, Klasse und Geschlecht) als gleichursprünglich verstehen, zusammendenken und zusammen bekämpfen. Das wird auch als intersektionale Perspektive bezeichnet. Freiheit ist unteilbar und wir sind nur frei, wenn alle Menschen von allen ökonomischen und gesellschaftlichen Zwängen frei sind. Oder um es mit den Worten schwarzen, lesbischen Bürgerrechtlerin Audre Lorde zu sagen: «Ich bin nicht frei, solange eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Ketten trägt als ich.»

Blogartikel in Zusammenarbeit mit Nina Hüsser.

Zum Weiterlesen:

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[i] Siehe dazu: ‚Neue Menschen‘ oder Jubelmasse? Die Rechte, die Linke und die ‚kleinen Leute‘.

[ii] Das ändert insofern das Verständnis von Identitätspolitik, als hier nicht mehr von einer gemeinsamen Unterdrückungserfahrung, sondern von der kollektiven Verteidigung von Privilegien ausgegangen wird (siehe Patricia Purtschert: Es gibt kein Jenseits der Identitätspolitik, in: Widerspruch 69/2017).