Digitalisierung: Im Dienste des Kapitals?

In der Geschichte des Kapitalismus hat es immer technologischen Fortschritt gegeben. Bereits Karl Marx und Friedrich Engels kennzeichnen den Kapitalismus als «die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung». So änderten sich seit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Produktion und das gesellschaftliche Zusammenleben durch verschiedenste Entwicklungen: Die Erfindung der Dampfmaschine, des Fliessbandes, des Computers oder der Waschmaschine. Dabei sind diese Entwicklungen keine Naturgewalten, denen die Bevölkerung schutzlos ausgeliefert ist. Die Frage war damals schon und bleibt noch immer: Wer kann den Mehrwert abschöpfen, wenn das Fliessband erfunden wird? Oder auch: Führt die Etablierung des Computers und der dadurch entstehende Produktivitätsfortschritt zu steigenden Löhnen für alle? Und die aktuelle Frage ist: Wer profitiert von der Digitalisierung?

Im aktuellen Kontext wird die Digitalisierung vor allem als neoliberales Deregulierungsprojekt missbraucht. Jobs, in denen man von 08:00–17:00 am Arbeitsplatz erscheint, verschwinden zunehmend. Stattdessen werden Arbeitsverhältnisse flexibilisiert. Die Menschen werden in verschiedene Formen der Selbstständigkeit gedrängt und müssen in ihren Arbeitsverhältnissen auf Abruf bereitstehen. Gleichzeitig fällt das schützende Kollektiv der Arbeiter*innenschaft weg und das soziale Netz wird aufgelöst, weil keine Sozialversicherungsabgaben mehr bezahlt werden müssen. Von dieser Ausbeutung, welche von den Neoliberalen insbesondere vor dem Hintergrund eines drohenden Jobverlusts für alle legitimiert wird, profitieren aktuell beinahe ausschliesslich Abzocker und Unternehmen. Das Motto, welches den Arbeiter*innen von der Elite und den Medien an den Kopf geworfen wird, ist: «Sei doch froh, wenigstens hast du einen Job!». Diese Entwicklungen können dazu führen, dass sich die Kapitalakkumulation bei einigen wenigen noch einmal massiv verschärft.

Doch technologischer Wandel bietet auch immer die Chance bestehende Machtverhältnisse in Frage zu stellen und zu verändern. Dank einer steigenden Produktivität könnte beispielsweise die Arbeitszeit verkürzt werden. Eine solche Verkürzung der Arbeitszeit wiederum könnte zu einer geschlechtergerechteren Aufteilung der Care-Arbeit führen. Doch Fortschritt muss immer erkämpft werden. Das heisst, dass der Prozess der Digitalisierung durch die Lohnabhängigen emanzipatorisch gestaltet werden muss. Grundsätzlich gilt: Um die Digitalisierung zum Fortschritt der Menschen zu machen, müssen die Mitbestimmungs- und Eigentumsrechte der Lohnabhängigen ausgebaut werden. Nur durch eine konsequente Demokratisierung wird der von allen gemeinsam erarbeitete Wohlstand gerecht verteilt.

Blogartikel in Zusammenarbeit mit Lewin Lempert.